Klanggewaltige und kongeniale Vertonung
Max Bruch ist den meisten heutigen Zeitgenossen leider nur noch durch sein erstes Violinkonzert bekannt. Weitgehend vergessen ist, dass dieser große Romantiker eine Vielzahl an Orchester- und Vokalwerken schuf, die einen Vergleich mit den Kompositionen eines Johannes Brahms oder den Instrumentationskünsten eines Richard Wagner nicht zu scheuen brauchen. War es auf der einen Seite Wagner, der die Gattung der Oper zum musikalischen Bühnendrama weiterentwickelte, so war es auf der anderen Seite Max Bruch, der die alte – von Händel und Mendelssohn tradierte – Form des Oratoriums auf einen neuen Gipfel hob, indem er neben geistlichen Stoffen bevorzugt auch weltliche Inhalte vertonte (man höre die ebenfalls in vorzüglichen Einspielungen vorliegenden Oratorien "Moses" bzw. "Arminius"). Auf diese Weise avancierte Bruch in der Zeit der aufkommenden Gesangsvereine und Singakademien zum führenden Oratoriumskomponisten des Bürgertums im 19. Jahrhundert.
Ein Paradebeispiel für Bruchs oratorische Meisterschaft ist "Das Lied von der Glocke" – jene 1878 entstandene klanggewaltige und kongeniale Vertonung von Friedrich Schillers ebenso geschichtsträchtiger wie geschichtsmächtiger Ballade. Genauso monumental wie "der Deutschen liebstes Lied" mutet denn auch Bruchs Oratorium an, das dem Hörer alles bietet, was die musikalische Palette hergibt: eingängige, mitunter liedhafte Melodik; reiche, mit Chromatik durchsetzte Harmonik; zarte, lyrische Gesänge und hochdramatische, stellenweise apotheotisch gesteigerte Chorpartien –eingebettet in einen prachtvollen, spätromantischen Orchesterklang. Durch die feinsinnige musikalische Charakterisierung der einzelnen szenischen Bilder und die klare Abgrenzung der inhaltlich-thematischen Handlungsstränge gelingt es dem Komponisten, den vielschichtigen Balladentext sogar plastischer und eindringlicher nachzugestalten, als es das gesprochene Wort je könnte.
CD-Rezension 'Dr. Martinus', jpc.de